Harmonie dank LSD – Simon und Jan

Politisches Musikkabarett? So weit würden Simon und Jan wahrscheinlich nicht gehen. Jedenfalls dann nicht, wenn man dem Song „Meine Mama“ Glauben schenken darf. Nach dem gibt es bei den beiden nämlich keinerlei Reibungspunkte: „Ich liebe von der Leyen und ich lieb‘ Andrea Nahles // ich werd‘ mich kaum entscheiden könn‘, wenn endlich wieder Wahl is, // ich liebe Wolfgang Schäuble und ich liebe Roland Koch. – Ne! – Doch! / Ich find‘ die eigentlich alles ganz okay, meine Mama kocht ganz gern mit LSD.“ Mehr Drogen, wenn auch rein musikalischer Natur, gibt es am Freitag, 23. Oktober, um 21 Uhr im Miss Marples.

Als „moderne Liedermacher“ bezeichnen sich Simon und Jan selbst, wobei „zeitlos“ es fast besser treffen würde: Perfekter zweistimmiger Harmoniegesang, zwei (selbst-)ironische Texter und ihre Gitarren, und dazu eine liebevoll misanthropische Revue  über das einzige Lebewesen, das wirklich eine Wahl hat, sich dann aber doch immer wieder zielgerichtet für das Falsche entscheidet: Simon und Jan nehmen den Menschen und seine ewig gleichen Fehler, Macken und Missverständnisse unter die Lupe.

Das Ergebnis: Die Würde des Menschen ist unauffindbar. Und auch in punkto Energieeffizienz ist er nicht mehr tragbar. Sein Verbrauch reicht ins Unermessliche und was kommt heraus? Vorwiegend heiße Luft. Was tun? Abschalten? Abschießen? Simon und Jan tun das auf ihre Weise. In „Die Erde dreht sich“ adressieren sie den unmündigen Fernsehzuschauer, der sich berieseln, aber nicht auseinandersetzen will mit dem Geschehen um ihn herum. Der Song „Ach, Mensch“, titelgebend für das in diesem Jahr erschienene zweite Album, beschreiben sie den angeblich so intelligenten Zweibeiner als Suchenden, der sich zwischen Kamasutra und Karmaaufstockung, zwischen Papamobil und Speedbeten stetig neu verläuft, sich seine religiöse Welt so zusammenstrickt, wie sie ihm gerade passt und am Ende seine Verbrechen mit dem eigenen Glauben zu rechtfertigen versucht. Friendly Fire – bei Simon und Jan gerät eine ganze Spezies unter Beschuss. Die Waffen: zwei Stimmen und zwei Gitarren. Die Munition: fein arrangierte Songs, Wortwitz par excellence und ein bis zur Perfektion betriebenes Gitarrenspiel. Simon & Jan feuern auf alles, was sich bewegt, auch in den eigenen Reihen. Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen. Sie sind halt auch nur Menschen. Menschen, die gegen das ansingen, was sie einfach nicht kalt lassen will. Denn gleichgültig, das sind sie wirklich nicht. Außer natürlich, Mama hat gekocht: „Ich mag Beckenbauer und Bohlen und Becker und Mario Barth geht mir nicht auf den Wecker, // ich liebe die BILD und ich liebe die BamS, es gibt einfach Dinge, die ham’s. // Ich mag Heidi Klum und wie heißt dieser Geiger, Til Schweiger, mir geht einfach nix auf den Zeiger, // die Zeugen Jehovas und die GEZ, ich find‘ die alle ganz nett. // Ich find‘ die eigentlich alle ganz okay, meine Mama kocht ganz gern mit LSD.“